Religionstheoretische Anmerkungen von Christian Danz

Die dramatischste Saison der Deutschen Fußball-Bundesliga war ohne Zweifel die von 2000/01. Schalke 04 und Bayern München lagen am letzten Spieltag jener Saison Kopf an Kopf. Nach 90 Minuten, als das Spiel in Gelsenkirchen zu Ende war, hatte Schalke gewonnen und Bayern lag mit 1:0 in Hamburg zurück. Der traditionsreiche Revierclub schien nach 43 Jahren wieder Deutscher Meister zu sein. Als das Spiel in der 90. Minute in Gelsenkirchen abgepfiffen wurde, strömten die Fans auf den Rasen und feierten Mannschaft und Meisterschaft. Allein, das Spiel in Hamburg war noch nicht zu Ende. In der 94. Minute erzielte in Hamburg Patrik Andersson durch einen indirekten Freistoß den Ausgleich für Bayern. Bayern München gewann buchstäblich in der letzten Minute die Meisterschaft. In einem der zahlreichen Interviews, die nach dem Spiel in Gelsenkirchen gegeben wurden, wo man sich für vier Minuten als Meister wähnte, sprach der Manager von Schalke 04, Rudi Assauer, davon, dass der Fußballgott ungerecht sei. Auch der Fußball hat seinen Gott und er wirft die Theodizeefrage auf.

Fußball wird oft in die Nähe von Religion gerückt. Bei der expliziten Inanspruchnahme von religiösen Elementen, wie in jener denkwürdigen Saison 2000/01, liegt dies scheinbar auch auf der Hand. Nick Hornbys Buch Ballfieber schildert eindrücklich die Geschichte von einem Fußballbesessenen, für den es keine schlimmere Vorstellung gibt, als mitten in der Fußballsaison oder während einer Europameisterschaft zu sterben. Hornby versucht auch eine Antwort auf dieses Phänomen zu geben. Sie ist ähnlich wie das eingangs von Assauer genannte Statement, nämlich das Leiden an dem Verein. Es sind nicht nur die Unwägbarkeiten des Spiels selbst, die nach einer religiösen Deutung rufen, sondern vor allem auch die Fankultur ist von religiösen Elementen durchzogen. Sie zu entschlüsseln, setzt freilich einen Begriff der Religion voraus, der eine hinreichende analytische Tiefenschärfe hat. Es hängt nämlich offenkundig vom vorausgesetzten Verständnis der Religion ab, ob und wie viel Religion man im Fußball entdecken kann. Ich diskutiere im Folgenden kurz einige Religionsbegriffe und gehe abschließend auf die Frage ein, ob man Fußball als Religion verstehen kann.
In der gegenwärtigen religionstheoretischen Diskussion werden in der Hauptsache zwei unterschiedliche Typen des Religionsbegriffs unterschieden. Auf der einen Seite stehen so genannte substantielle Religionsbegriffe und auf der anderen funktionale. Unter einem substantiellen Religionsbegriff versteht man kurz gesagt, dass sich Religion durch bestimmte inhaltliche Merkmale von anderen Kulturerscheinungen unterscheiden lasse. Diese inhaltlichen Merkmale sind etwa das Vorhandensein eines bestimmten Gottesbildes, bestimmte Bekenntnisse sowie bestimmte Institutionen. Eine solche Definition der Religion hat die institutionalisierten Kirchen im Blick und lässt sich nur schwer auf die Fußballkultur anwenden. Weiterführender scheint daher die zweite Form der Bestimmung des Religionsbegriffs zu sein, die funktionale. Sie versteht Religion als die Erfüllung einer bestimmten Funktion, die für die Gesellschaft unentbehrlich ist. So kann etwa dort von Religion gesprochen werden, wo Sinnfragen thematisiert werden oder wo es um die Integration der Gesellschaft oder von Gruppen geht.
Dieser Begriff der Religion eröffnet nun in der Tat die Möglichkeit, in der Fußballkultur so etwas wie Religion zu entdecken. Die Fankultur von Vereinen beispielsweise stellt, wie immer wieder herausgefunden wurde, ein komplexes Phänomen dar, in dem es um die Sozialisation und Integration von Gruppen geht. Wer für Rapid ist, der kann nicht für Austria sein. Fangruppen schaffen dichte Vergemeinschaftungsformen mit eigenen kulturellen und moralischen Codes. Spezifische Zeichensysteme unterscheiden die Fans des einen Vereins von den anderen. Die klassischen Konflikte der Religionsgeschichte, Häresien und gegenseitige Verdammungen werden jeden Samstag in den Fußballstadien dieser Welt zelebriert. Und wenn es in der Religion, wie der protestantische Theologe Paul Tillich gesagt hat, um das letzte Anliegen von Menschen geht, dann lässt sich der Weg zum Fußball schnell finden. Dies macht nicht nur das Phänomen deutlich, dass einige Vereine gegenwärtig ihren treuesten Anhängern die Möglichkeit einräumen, auf dem heiligen Rasen bestattet zu werden, auch der Bau von Kapellen in Stadien, wie dem von Schalke 04, unterstreicht dies. Vor einiger Zeit heiratete gar der Trainer des deutschen Zweitligavereins 1. FC Köln, Christoph Daum, auf eine äußerst symbolträchtige Weise im Kölner Stadion.
Die angeführten Beispiele ließen sich unschwer erweitern. Wer ein funktionales Religionsverständnis vertritt, wird in der Fußballkultur sehr viel Religion entdecken. Allerdings wird man fragen können, ob eine solch weite Definition von Religion nicht ihr Konto überzieht. Wenn nämlich alles als Religion beschrieben werden kann, dann wird der Religionsbegriff inflationär und verliert seine analytische Prägnanz. Weiterhin wird in funktionalen Religionstheorien Religion lediglich aus der Außenperspektive bestimmt. Es wird hier also nicht danach gefragt, ob die so beschriebenen ihr Tun auch religiös verstehen. Im Interesse an der Bestimmtheit des Religionsbegriffs und seiner Leistungsfähigkeit für die Erschließung moderner Religion ist der funktionale Religionsbegriff deshalb zu erweitern. Meines Erachtens macht es wenig Sinn in der religionsanalytischen Forschung, das Selbstverständnis der durch die Religionstheorie beschriebenen außer Acht zu lassen. Allein dieses ist uns jedoch nur in der Beobachtung der komplexen Zeichenwelten und damit als eine Deutung zugänglich, die immer wieder an den Phänomenen korrigiert werden muss. Religion ist meines Erachtens als eine solche Form menschlicher Selbst- und Weltdeutung zu verstehen, die dem Einzelnen einen Umgang mit der Endlichkeit und Fragmentarizität seines Lebens ermöglicht. Sie ist also eine spezifische Form der Lebensdeutung, für die das Bewusstsein der Religionsausübung konstitutiv ist. Dieses Verständnis von Religion kann hier nicht weiter ausgeführt werden. Es stellt Religion auf den Deutungsbedarf hochkomplexer moderner Gesellschaften ein und versteht diese als ein spezifisches Zeichensystem. Diese religiösen Zeichenwelten sind in der Gegenwart nicht nur äußerst vielfältig, sondern aufgrund ihrer Deutungsbedürftigkeit auch nie eindeutig bestimmbar.
Wendet man dies auf den Fußball als Bestandteil der modernen Gegenwartskultur an, so wird man zweierlei sagen können. Zum einen dürfte das Selbstverständnis der meisten Fußballfans nicht religiös sein. Insofern macht es auch wenig Sinn, die Fußballkultur als Form moderner Religion zu beschreiben. Zum anderen ist natürlich nicht zu bestreiten, dass sich in der Fußballkultur religionsäquivalente Motive finden lassen. Sie sind vor allem in Formen zeichenvermittelter Sinngebung zu sehen. Einige Beispiele wurden oben genannt. Sie strukturieren, wie Nick Hornby in seinem Buch gezeigt hat, menschliches Leben nach dem Verlauf von Saisons, Welt- und Europameisterschaften.
Literaturhinweise:
Christian Danz, Christlich-religiöse Tradition und moderne Gegenwartskultur. Problemfelder und Aufgaben einer theologischen Kulturhermeneutik. In: Wiener Jahrbuch für Theologie 5 (2004), Wien 2005, S. 79-93.
Nick Hornby, Ballfieber. Die Geschichte eines Fans, Hamburg 1996.
Niklas Luhmann, Die Religion der Gesellschaft, Frankfurt/Main 2000.
Detlef Pollack, Was ist Religion? Versuch einer Definition, in: ders., Säkularisierung - ein moderner Mythos? Studien zum religiösen Wandel in Deutschland, Tübingen 2003, S. 28-55.
www.kirche08.at